Ein dreitägiges Programm aller drei Radiostatio¬
nen: Donaueschingen, Stuttgart und Frankfurt/
Main in der Flüchtlingsunterkunft Donaueschin¬
gen während der Donaueschinger Musiktage
war für Good Moming Deutschland nach
fünfeinhalb Monaten Sendung ein Höhepunkt.
Zugleich näherte sich das auf zunächst sechs Mo¬
nate veranschlagte Projekt damit seinem Ende.
Positionen beenden damit auch die Begleitung
dieses bis jetzt einmaligen Kunst/Musik/Radio¬
projekts - obwohl es weitergeht. Die Idee, durch
Musik, Wissen, Interviews und deren Vermitt¬
lung via Radio Integrationsbrücken zu bauen,
hat bestens funktioniert und so können wir nur
wünschen, dass dieses * Radio als Selbstermächti¬
gungsinstrument « (Hannes Seidl) tatsächlich zu
einem » Virus wird, der sich in weiteren Flücht¬
lingsunterkünften ausbreitet «. (Die Redaktion)
Gisela Nauck: Wodurch war es möglich, diese
konzentrierte radiophone Aktion in Donau¬
eschingen durchzuführen, und welches An¬
liegen habt ihr damit verfolgt?
Hannes Seidl: Wir hatten die Idee, das Radio
bei einer solchen Gelegenheit durchgehend zu
präsentieren und auch alle drei Teams nach
Donaueschingen zu bringen. Die Musiktage
haben uns dabei unterstützt. Dass es möglich
war, so viel Live Radio zu senden, ist vor allem
den drei Teams zu danken, die durch die Er¬
fahrungen der letzten Monate sehr gut darin
geworden sind, längere Strecken live Radio zu
machen und spontan auf Gäste und Besucher
einzugehen. Nachdem wir entschieden haben,
alle Teams für die drei Tage einzuladen, haben
wir alle möglichen Komponistlnnen und
Interpretinnen1 eingeladen, zu uns ins Radio
zu kommen und mit unseren Redakteuren zu
reden. Antonia Rohwetter - Assistentin des
Projekts - hat da sehr viel organisiert und die
Radioteams vorbereitet, indem sie ihnen Mate¬
rialien zu den Künstlerinnen geschickt hat, die
bei uns zu Gast waren. Darüber hinaus gab es
ja auch noch Leute aus der Unterkunft, die sich
eingebracht haben, auch wenn es dieses mal
wenige waren. Zum einen, weil die Unterkunft
ja nur noch wenige Geflüchtete beherbergt -
170 im Verhältnis zu 2 500 Menschen vor einem
Jahr - zum anderen haben die Geflüchteten
aufgrund der vielen Besucher dann erst mal
lieber aus der Distanz beobachtet.
Hannes Seidl/Gisela Nauck
Good Moming Deutsch¬
land
Ein soziales Kunstprojekt mit Geflüchteten für Geflüchte¬
te: Zweiter Erfahrungsbericht
Festivalbesucher als auch hinsichtlich medialer
Reaktionen etwa per Anruf, Email oder SMS?
H.S.: Anrufe, SMS oder Emails haben wir in
den drei Tagen gar nicht bekommen. Wir hat¬
ten aber enorm Glück mit dem Wetter, so dass
es vor dem Studio konstant gut bis sehr gut be¬
sucht war. Da blieben doch viele länger sitzen
als ich es erwartet hätte, haben einfach dem
Radio zugehört oder es auch als Hintergrund
genutzt und sich unterhalten. Meistens waren
es Gäste der Musiktage und Donaueschinger,
die auch die Möglichkeit nutzen wollten, sich
die Unterkunft mal von innen anzusehen -
was ja sonst nicht ohne weiteres möglich ist.
Erst ab dem zweiten Tag kamen dann auch
immer mehr der Geflüchteten, haben sich
unter die Hörerschaft gemischt und dann auch
eingebracht. Einige Männer haben sich etwa
beschwert, dass ihre Musik zu wenig präsent
wäre, sie fühlten sich als Geflüchtete aus den
Maghreb-Staaten diskriminiert, ihrer Meinung
nach gab es zu viel arabische Musik. Wir haben
dann ihre Wünsche aufgenommen und deren
Songs gespielt. Als wir die Redaktion zu¬
sammen gestellt hatten, gab es sehr viel mehr
syrische und afghanische Flüchtlinge und
kaum Menschen aus den Maghreb Staaten, wie
es derzeit der Fall ist. Da muss man dann halt
spontan reagieren.
Die Stimmung rund um das Studio war
ziemlich schön, sehr entspannt, viel interessier¬
tes und respektvolles Zuhören, gleich, ob es
um zeitgenössische Musik von Musikerlnnen
der Musiktage ging oder um arabischen Pop ...
1 Die von Hannes Seidl be¬
vorzugte Schreibweise »Kompo-
nist*innen«, «Interpretinnen«,
die Frauen und Transsexuelle
gleichberechtigt umfasst, ist der in
Positionen üblichen Schreibweise
mit großem Binnen I angepasst
worden.
G.N.: Als ich da war, haben zwei Männer, of¬
fenbar Flüchtlinge, vor dem Studio zusammen
mit dem Moderator getanzt, eine Art Schreit-
Rundtanz, zu georgischer Musik, glaube ich . . .
G.N.: Wie war die Resonanz, sowohl seitens
der anwesenden, geflüchteten Menschen, die
in den Gebäuden der ehemaligen Kaserne
französischer Soldaten in der Friedhofsstraße
eine vorläufige Bleibe gefunden haben und
die Sendungen live vor dem gläsernen Studio
verfolgen konnten, seitens der Donaueschinger
H.S.: ... Das persönliche Feedback, dass ich
bekommen habe, war positiv bis begeistert.
Gerade von den Anwohnern in Donaueschin¬
gen bekam ich oft zu hören, dass sie es wichtig
finden, in dieser Richtung, also von den Ge¬
flüchteten in die Stadt hinein, das Gespräch
zu fördern. 3
Positionen einhundertundneun
G.N.: Wie sind die Geflüchteten mit der Situ¬
ation umgegangen, dass jetzt doch sehr viel
neue Musik in die Unterkunft kam, also nicht
mehr ihre Musik gespielt wurde?
G.N.: Du sagst, das Radio ist immer noch im
Entstehen - inwiefern haben die Flüchtlinge
selbst diese Art von Radio beeinflusst, ver¬
ändert?
H.S.: Ich finde, die Durchmischung mit den
Donaueschinger Musiktagen , mit dem, was
klanglich da” sonst noch passiert, hat gerade
nicht zu einer Schwächung der Positionen
der Geflüchteten geführt, sondern zeigt, dass
die Teams aus ihrer Sicht als Geflüchtete oder
Ansässige die Musikerlnnen befragen können:
teils bewundernd, teils auch kopfschüttelnd
sagen konnten, das interessiert uns, warum
macht ihr das, wie kann ich das, was ihr da
macht verstehen usw.
Entscheidend ist, dass die Position der Ge¬
flüchteten die des Sprechenden geworden ist.
Aus dieser Position können die Redakteure
- und das ist gleich welche, dass haben alle so
gemacht - sehr souverän auf fremde Kulturen
treffen. Im Fall der Donauescltinger Musiktage
war die fremde Kultur nicht die eines fremden
Landes, sondern die neue Musik, die ja auch
unbekanntes Terrain war. Dieser Musikkultur
konnten sich die Redakteure des Radios auf
Augenhöhe nähern. Dieses Selbstbewusstsein
der Radioschaffenden ist, denke ich, einfach
entstanden durch die Freiheit, dieses Radio
über ein halbes Jahr zu gestalten. Ganz egal wer
jetzt Redakteur ist oder Sprecherin - ob man vor
einem Jahr aus Syrien geflohen ist, vor fünfzehn
Jahren aus dem Iran oder in Stuttgart geboren
ist. Das Radio hat als Plattform eine Position ge¬
wonnen, von der aus es möglich ist, sich als ein
souveränes Gegenüber zu behaupten.
Das Radio ist aber auch noch im Entstehen,
und es wird interessant sein, wohin es sich
entwickeln wird. Das hängt immer von den
Geflüchteten ab, die in unmittelbarer Nähe
des Radios sind. Es ist also ein permanenter
Arbeitsprozess, so ein offenes Radio aufrecht
zu erhalten und offen zu bleiben.
H.S.: Das Radio ist ja mit der Idee entstanden,
eine Plattform herzustellen, deren Nutzung
recht offen geblieben ist. Es ist ein Radio für
geflüchtete Menschen mit ihrem kulturellen
Wissen, ihren Interessen, musikalischen
Wünschen und Vorstellungen. Und es bietet
die Möglichkeit, sich zu vernetzen, auszu¬
tauschen, kennenzulernen und gemeinsam
zu musizieren.
Wir haben bestimmte Rahmenbedingungen
hergestellt - Mehrsprachigkeit, Logo, Live-
Formate, Jingles, Redaktion - und dann aber
geschaut wie sich das entwickelt. Wir haben
als Team schon die Sendungen redaktionell
betreut, aber nicht etwa politisch oder klang¬
lich tatsächlich eingegriffen. Und dann sind es
Prozesse zwischen den Menschen, die das Ra¬
dio tagtäglich machen und denen, die ab und
zu mal vorbei kommen, solchen die zuhören
und Emails schreiben und schließlich solchen,
die selbst ein Radio gründen wollen. Und da
reagieren die verschiedenen Redakteure unter¬
schiedlich drauf und entsprechend entstehen
in Frankfurt plötzlich sehr viele Sendungen, in
denen Musik als kultureller Signifikant einer
bestimmten Zeit, einer Region, einer Identität
im Vordergrund steht. In Stuttgart stehen -
ohne dass das geplant war - politische Fragen
im Zentrum vieler Sendungen. Realpolitische
innerhalb der Unterkunft oder der Stadt, aber
auch im größer gefassten Sinn, wo die politi¬
sche Bedeutung bestimmter Lieder und Gesän¬
ge thematisiert wird. Und in Donaueschingen
war die reale gegenwärtige Situation in der
Unterkunft das entscheidende Kriterium, wie
die Sendungen strukturiert wurden, also die
Frage danach, was das Radio dazu beitragen
konnte, dass es in der Unterkunft für alle Betei-
Hannes Seidl: »... das hat
ja mit neuem Hören und
mit fremden Dingen hören
zu tun und deshalb gehört
dieses Radio genau in die
Donaueschinger Musiktage
hinein.« Im Donaueschinger
Studio während der Musik¬
tage (v.l.n.r.: Yanal Jarkas
und Marie Koppel vom
Studio Frankfurt/ Main mit
Aziz Haschemi vom Studio
Donaueschingen, hinter
ihnen Hannes Seidl. (Foto:
SWR, Ralf Brunner).
4
Positionen einhundertundneun
Editorial
Im langjährigen Streiten um den Erhalt von Orchestern ist eine Tatsache völlig unbeachtet
geblieben: Die soziale Trägerschicht der neuen oder zeitgenössischen Musik sind längst nicht
mehr die Konzerthäuser, Orchester und Opernhäuser samt Belegschaft; es sind die freien
Ensembles mit ihrer komplexen Basisstruktur und einem Netzwerk unterschiedlichster Ver¬
anstaltungen, Orte und Förderer. Zur sozialen Trägerschicht zeitgenössischer Musikkultur im
21 . Jahrhundert entwickelte sich - in stetigem Anwachsen - die Freie Szene. (Dazu gehören
zweifellos auch die freiberuflichen Musikjournalisten, denen Positionen bereits mit Nr. 85/2010
Schre/bKrise?e in eigenes Heft gewidmet hatte.) Als die eigentliche innovative Kraft des 20721 .
Jahrhunderts hat sie dem bürgerlichen Modell von Musikkultur ein zeitgenössisches Modell an
die Seite gestellt, dessen charakteristische Flexibilität, Kreativität und Offenheit jene bürger¬
lichen Strukturen mit dem Stempel des Musealen versehen hat. Eine grundlegendes und völlig
ungelöstes Problem dieses kulturellen Wandels vom 1 9. zum 2 1 . Jahrhundert formulierte der
Musikwissenschaftler und -journalist Jan Brachmann in dem einleitenden Text Grundfragen :
»Es geht nicht um Quote und es geht nicht ums Geld. Es geht um Machtverlust.«
Es ist dies nur eine Problematik, die neue Modelle im Zusammenwirken von Freier Szene
und Kulturpolitik erforderlich machen. Positionen stellen mit diesem Heft ein authentisches
Material bereit (geschrieben von Autoren aus der Szene selbst, oft auf der Basis von Fra¬
gebogenerhebungen), das die Situation der Freien Szene zeitgenössischer Musik heute in
Deutschland umreißt: Wer und was ist die Freie Szene zeitgenössischer Musik, wie ist sie
ökonomisch und künstlerisch organisiert, welche Beziehungen gibt es zwischen musikalisch¬
künstlerischer Profilierung und ökonomischen Bedingungen, wo formieren sich neue Struk¬
turen zur Durchsetzung ihrer Interessen, wie ist die Situation bei den jungen Ensembles und
anderes mehr. Blicke nach Russland, Schweden und Italien schaffen interessante Vergleiche.
Angesichts des gegenwärtigen Status Quo der Freien Szene kann es bei einem Festhalten
dieses Ist-Stands jedoch nicht bleiben. Alle Texte artikulieren zugleich dringend zu lösende
Probleme, von denen zwei der zentralsten sind: 1. Lösungen für die chronische Unterfinan¬
zierung dieser Trägerschicht zeitgenössischer Musikkultur zu finden, die selbst international
renommierteste Ensemble betrifft wie das Ensemble Modern oder das ensemble recherche.
2. Das dominierende Konzept der Projektförderung zu reformieren, weil es den Aufbau lang¬
fristiger Ensemble-Strukturen behindert, ebenso die Entwicklung eines Stammpublikums, die
Öffentlichkeitsarbeit der Ensemble und damit der öffentlichen Resonanz neuer Musik. Die
Dringlichkeit der kulturpolitischen Auseinandersetzung markiert die derzeitige Gründung eines
»Verbandes der Freien Ensembles und Orchester in Deutschland« (FREO), der die Interessen
von freien Ensembles aller Musiksparten vertreten wird. (Gisela Nauck)
ligten besser werden konnte. Entsprechend gab
es in Frankfurt die konzeptuellsten Sendun¬
gen, in Stuttgart die thematisch konzisesten
und in Donaueschingen die meisten Parties.
Das sind aber temporäre Dinge, die im
Wandel sind. Sobald sich die Redaktionsteams
ändern, ändert sich auch die Erwartung an das
Radio. Über die Frage hinaus, dass das Radio
als Selbstermächtigungsinstrument einer sehr
heterogenen Gruppe von Geflüchteten funk¬
tionieren soll, gibt es ja nach wie vor keine
weiteren Einschränkungen.
G. N.: Im Entstehen bedeutet auch, dass es
weitergehen könnte, sollte, müsste? Wie sehen
dafür Pläne und Realitäten aus?
H. S.: Die Redaktionen in Stuttgart und Frank¬
furt werden mit einigen Änderungen erst mal
so weitermachen wie bisher. Es wird keine
zentrale Position mehr geben, wie ich sie für
das erste halbe Jahr innehatte, die Studios
werden zwar über die Website und den Stre-
am weiterhin verbunden bleiben, sind aber in
ihrer Programmgestaltung voneinander bis
auf die Zeiten, wann sie senden, autonom. In
Frankfurt hat das Offene Haus der Kulturen das
Studio als Verein übernommen und ist derzeit
mit unserer Hilfe auf der Suche nach Geld¬
gebern, die das Projekt weiter unterstützen.
Auch in Stuttgart wird derzeit nach Sponsoren
gesucht, dort ist es der Freundeskreis Killesberg,
der das Studio übernommen hat. Der SWR hat
dem Studio die Technik für ein weiteres Jahr
überlassen, beide Teams haben sich mittler¬
weile erweitert.
Darüber hinaus gilt auch, dass wir eine
Idee in die Welt gesetzt haben, die leicht zu
imitieren ist. Jede Unterkunft kann schnell
solche Radiostudios einrichten, selbst Strea-
men, eigene Formate anbieten etc. Das ist die
Öffnung, die ich wichtig finde: Dass wir mit
diesem Projekt etwas angestoßen haben, dass
sich wie ein Virus verbreiten und zur Durch¬
mischung beitragen kann. g
Positionen einhundertundneun